Führung mit Klarheit: Warum Selbstführung der erste Schritt ist
Führung beginnt nicht mit dem Team. Sie beginnt bei der Person, die führt. Denn bevor ich anderen Orientierung geben kann, muss ich selbst wissen, wo ich stehe. Was ist mir wichtig? Was brauche ich? Wo liegen meine Grenzen? Und welche Erwartungen von aussen möchte ich erfüllen – und welche nicht?
Genau hier beginnt für mich Selbstführung.

Selbstführung bedeutet, zuerst nach innen zu schauen
Selbstführung bedeutet für mich, zu sich selber zu schauen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und sie bestmöglich auch umzusetzen. Nicht ständig danach zu handeln, was von aussen erwartet wird, sondern auch die eigene Stimme wahrzunehmen.
Das klingt im ersten Moment selbstverständlich. Im Führungsalltag ist es das oft nicht. Je mehr Verantwortung wir übernehmen, desto stärker richtet sich unser Blick nach aussen. Was braucht mein Team? Was erwartet mein Vorgesetzter? Was möchte der Kunde? Was muss noch erledigt werden? Wo kann ich helfen?
Und irgendwann reagieren wir nur noch auf das, was von aussen kommt. Eine Aufgabe kommt – wir übernehmen sie. Jemand braucht etwas – wir springen ein. Eine Erwartung wird formuliert – wir versuchen, sie zu erfüllen. Dabei verlieren wir leicht den Kontakt zu uns selbst.
Selbstführung bedeutet deshalb, immer wieder bewusst nach innen zu schauen: Was brauche ich gerade? Was ist mir wichtig? Was passt für mich? Und wo muss ich vielleicht auch einmal Nein sagen?
Warum Nein sagen so viel mit Führung zu tun hat
Gerade Führungskräften fällt das Nein-Sagen häufig schwer. Sie wollen zuverlässig sein, Verantwortung übernehmen und zeigen, dass sie ihrer Rolle gewachsen sind. Sie möchten bestmöglich dastehen und ihre Führungsrolle auch unterstreichen. Also sagen sie Ja. Noch eine Aufgabe. Noch ein Termin. Noch ein Projekt. Noch ein Problem, das schnell gelöst werden muss.
Und manchmal sagen sie Ja, obwohl in ihnen längst ein Nein steckt.
Selbstführung bedeutet nicht, jede zusätzliche Aufgabe abzulehnen oder nur noch nach den eigenen Bedürfnissen zu handeln. Es bedeutet, bewusst wahrzunehmen, was möglich ist und was nicht. Manchmal ist ein Nein genau das, was notwendig ist – nicht aus Egoismus, sondern weil ich zuerst zu mir schauen muss.
Denn wenn ich meine eigenen Grenzen ständig überschreite, kann ich nach aussen zwar lange funktionieren. Aber ich führe mich selbst nicht mehr wirklich.
Wenn das Aussen immer lauter wird
Viele Führungskräfte erleben ihren Alltag als permanente Abfolge von Anforderungen. Termine, Meetings, E-Mails, Entscheidungen, Veränderungen und Erwartungen lassen kaum Raum, einmal innezuhalten und sich selbst zu fragen: Was will ich eigentlich?
Genau das beobachte ich häufig: Menschen in Führungspositionen sind so stark mit dem Aussen beschäftigt, dass sie kaum noch dazu kommen, nach innen zu hören. Sie sagen nicht Nein. Sie übernehmen. Sie setzen keine Grenzen. Sie versuchen, möglichst vielen Erwartungen gerecht zu werden.
Und damit geraten sie in einen Zustand, in dem sie immer weniger agieren und immer mehr reagieren. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Wer nur noch reagiert, überlässt einen grossen Teil der eigenen Führung den Umständen und den Erwartungen anderer. Wer dagegen bewusst entscheidet, was wichtig ist, wo die eigenen Grenzen liegen und welche Richtung eingeschlagen werden soll, übernimmt wieder Führung über das eigene Handeln.
Klarheit beginnt mit mir selbst
Für mich ist deshalb Klarheit ein ganz wesentlicher Teil von Selbstführung. Ich muss wissen, was mir wichtig ist. Ich muss meine Werte kennen. Ich muss wissen, was ich erreichen möchte, was ich nicht möchte und wo meine Grenzen liegen. Und ich muss mir darüber klar werden, in welche Richtung ich eigentlich führen will.
Diese Klarheit entsteht nicht einfach nebenbei. Man muss sich mit sich selbst auseinandersetzen und gewisse Dinge für sich klären. Denn wenn ich selbst nicht weiss, was mir wichtig ist, wird es schwierig, anderen eine klare Richtung zu geben.
Klarheit nach aussen beginnt mit Klarheit nach innen.
Und genau deshalb ist Selbstführung für mich der erste Schritt guter Führung.

Wenn die eigenen Werte aus dem Blick geraten
Im Führungsalltag kann es schnell passieren, dass Ziele, Erwartungen und äussere Anforderungen wichtiger werden als das, wofür man selbst eigentlich stehen möchte. Man macht, was notwendig ist. Man erfüllt Erwartungen. Man versucht, der Führungsrolle gerecht zu werden.
Und irgendwann stellt sich vielleicht eine unangenehme Frage: Handle ich eigentlich noch so, wie ich selbst sein möchte?
Für mich gehört auch das zur Selbstführung. Nicht nur zu wissen, was ich tun muss, sondern auch zu wissen, warum ich es tue und wofür ich stehe. Denn wenn mein Handeln dauerhaft nicht mehr zu meinen eigenen Werten passt, entsteht eine Spannung. Nach aussen kann alles funktionieren – und trotzdem kann sich die eigene Führung nicht mehr richtig anfühlen.
Bevor du andere führst, musst du dich selbst führen
Das ist für mich der Kern des ganzen Themas. Bevor du andere führst, musst du lernen, dich selber zu führen. Wie soll ich anderen Orientierung geben, wenn ich selbst keine Orientierung habe? Wie soll ich Grenzen setzen, wenn ich meine eigenen Grenzen nicht kenne? Wie soll ich klar kommunizieren, wenn ich selbst noch nicht weiss, was ich eigentlich will?
Selbstführung ist deshalb keine zusätzliche Führungsdisziplin, die man irgendwann noch in den Kalender quetscht. Sie ist die Grundlage dafür, wie wir überhaupt führen. Und sie bedeutet nicht, immer alles im Griff zu haben.
Wir alle geraten manchmal in Situationen, in denen wir reagieren, obwohl wir eigentlich anders handeln wollten. Wir sagen Ja, obwohl wir Nein hätten sagen wollen. Wir übernehmen zu viel oder verlieren für einen Moment den Blick für das, was uns eigentlich wichtig ist.
Entscheidend ist deshalb nicht, immer perfekt selbstgeführt zu sein. Entscheidend ist, es zu merken und wieder zu sich zurückzufinden.

Eine 5-Minuten-Übung für mehr Selbstführung
Wenn du herausfinden möchtest, wie es gerade um deine eigene Selbstführung steht, nimm dir heute einmal fünf Minuten und beantworte drei Fragen ganz ehrlich für dich.
1. Wo reagiere ich gerade nur noch?
Denke an deinen aktuellen Führungsalltag. Wo bestimmst nicht du die Richtung, sondern die Erwartungen, Anforderungen und Dringlichkeiten von aussen?
2. Wo sage ich gerade Ja, obwohl ich eigentlich Nein meine?
Es kann eine Aufgabe sein, ein Termin, eine Verantwortung oder auch eine Erwartung, die du übernommen hast. Frag dich: Was würde sich verändern, wenn ich hier meine eigene Grenze ernst nehmen würde?
3. Was ist mir eigentlich wichtig?
Nicht, was gerade dringend ist. Nicht, was andere von dir erwarten. Sondern: Was ist dir als Führungskraft wirklich wichtig? Wofür möchtest du stehen? Wie möchtest du führen?
Und dann kommt der entscheidende vierte Schritt:
Was mache ich ab jetzt konkret anders?
Es muss keine grosse Veränderung sein. Vielleicht sagst du bei einer bestimmten Aufgabe bewusst Nein. Vielleicht blockierst du dir Zeit zum Nachdenken. Vielleicht sprichst du eine Grenze aus, die du bisher immer wieder verschoben hast.
Selbstführung wird nämlich nicht dadurch besser, dass wir mehr über sie wissen. Sie wird besser, wenn wir anfangen, danach zu handeln.
Führung bedeutet nicht, überall verfügbar zu sein
Wenn ich weiss, was mir wichtig ist und wo meine Grenzen liegen, entsteht Handlungsspielraum. Ich kann bewusster entscheiden. Ich kann Nein sagen. Ich kann Prioritäten setzen. Ich kann auch einmal sagen: „Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.“ Und gleichzeitig kann ich klarer für andere da sein.
Denn Führung bedeutet nicht, überall gleichzeitig verfügbar zu sein. Führung bedeutet, bewusst Verantwortung zu übernehmen. Dafür brauche ich einen klaren inneren Standpunkt.
Führung beginnt innen
Wenn wir über gute Führung sprechen, schauen wir sehr schnell nach aussen: Wie kommuniziert eine Führungskraft? Wie führt sie Mitarbeitende? Wie trifft sie Entscheidungen? Wie geht sie mit schwierigen Situationen um? All diese Fragen sind wichtig.
Aber davor steht eine andere: Wie führe ich mich selbst? Kenne ich meine Bedürfnisse? Meine Grenzen? Meine Werte? Weiss ich, was mir wichtig ist? Kann ich Nein sagen, wenn ein Nein notwendig ist? Und kann ich Entscheidungen treffen, statt ständig nur auf das zu reagieren, was von aussen kommt?
Denn je klarer ich mit mir selbst bin, desto klarer kann ich auch nach aussen führen. Das bedeutet nicht, dass ich immer alle Antworten haben muss. Es bedeutet, dass ich weiss, wofür ich stehe und welche Richtung für mich stimmt.
Bevor du andere führst, musst du lernen, dich selber zu führen.
Nicht, weil du dann perfekt bist. Sondern weil Führung dort beginnt, wo du selbst Verantwortung für dich übernimmst.
Und vielleicht ist deshalb eine der wichtigsten Fragen, die sich eine Führungskraft regelmässig stellen darf: Führe ich gerade wirklich – oder reagiere ich nur noch?
Die Antwort beginnt nicht beim Team. Sie beginnt bei mir.





