Gesund führen: Warum Energie wichtiger ist als Dauerleistung

Gesunde Führung beginnt mit einem bewussten Umgang mit der eigenen Energie

Gesund führen: Warum Energie wichtiger ist als Dauerleistung

Ich war morgens um halb acht im Büro. Die anderen kamen gegen neun.

Ich war frisch vom Betriebswirtschaftsstudium, voller Energie, motiviert und bereit, etwas aufzubauen. Mein erster Job führte mich in ein Startup nach Zürich. Ich pendelte täglich von Luzern nach Zürich, hatte einen anspruchsvollen Job und war damals die einzige Frau im Unternehmen.

Um fünf oder halb sechs verliess ich das Büro. Nicht, weil ich keine Lust mehr hatte zu arbeiten. Sondern weil ich einen zweistündigen Heimweg vor mir hatte und trotzdem noch ein bisschen etwas von meinem Leben haben wollte.

Dafür bekam ich regelmässig einen Spruch zu hören: „Nimmst du dir heute Nachmittag frei?“

Als Witz getarnt. Immer wieder.

Ich habe damals lange nicht verstanden, was diese Bemerkungen eigentlich mit mir machten. Aber sie haben sich eingebrannt. Denn irgendwann beginnt man, die eigene Leistung nicht mehr danach zu beurteilen, was tatsächlich geleistet wurde, sondern danach, ob sie den Erwartungen anderer genügt.

Und genau da beginnt für mich die Frage nach gesunder Führung.

Denn gesund führen bedeutet nicht, möglichst lange durchzuhalten. Es bedeutet auch nicht, immer verfügbar zu sein, noch eine Stunde dranzuhängen oder zu beweisen, dass man belastbarer ist als alle anderen.

Gesund führen beginnt für mich bei der Energie. Und zwar in zweifacher Hinsicht: Wie führe ich mich selbst? Und wie führe ich die Menschen, für die ich Verantwortung trage?

Führungskraft arbeitet trotz nachlassender Energie am Schreibtisch
Das Bild visualisiert die Spannung zwischen hoher Arbeitsleistung und nachlassender persönlicher Energie.

Leistung ist nicht dasselbe wie Energie

In vielen Unternehmen ist Leistung noch immer erstaunlich stark mit Zeit, Verfügbarkeit und Belastbarkeit verbunden. Wer früh kommt und spät geht, gilt schnell als engagiert. Wer immer erreichbar ist, vermittelt Einsatzbereitschaft. Wer auch dann noch funktioniert, wenn eigentlich längst eine Pause nötig wäre, bekommt vielleicht sogar Anerkennung für seine Belastbarkeit.

Das Problem daran: Unser Energiehaushalt funktioniert nicht nach dieser Logik.

Wir können Zeit investieren. Wir können Aufgaben abarbeiten. Wir können uns zusammenreissen. Aber wir können nicht beliebig viel Energie produzieren. Und trotzdem tun viele Menschen genau das: Sie verbrauchen ihre Energie, ohne darauf zu achten, ob und wie sie wieder aufgeladen wird.

Sie ignorieren Müdigkeit. Sie übergehen Anspannung. Sie schieben Pausen auf. Sie arbeiten weiter, obwohl die Konzentration längst nachlässt. Sie merken, dass sie gereizter reagieren, nehmen es aber als normalen Stress hin. Und häufig wird erst dann ernst genommen, was der Körper schon lange signalisiert hat, wenn gar nichts mehr geht.

Das ist für mich keine nachhaltige Form von Leistung.

Denn wenn die Energie des Menschen weg ist, kann auch die Leistung nicht dauerhaft aufrechterhalten werden.

Ich habe selbst erlebt, was passiert, wenn man die eigene Energie nicht ernst nimmt

Ich war damals noch relativ jung. Und eigentlich hätte ich genügend Energie haben müssen. Zumindest dachte ich das.

Doch irgendwann kam ich nach Hause und hatte für praktisch nichts mehr Energie. Das Höchste der Gefühle war vielleicht noch ein Entspannungsbad. Danach ging es Richtung Bett. Kurz vor neun war der Tag für mich meistens gelaufen.

Keine Lust, noch Freunde zu treffen. Keine Energie für Sport. Keine Kraft, irgendetwas zu unternehmen. Einfach nur noch Ruhe.

Und irgendwann machte sich auch mein Umfeld bemerkbar.

Da wurde mir klar: So kann es nicht weitergehen.

Ich hatte einen anspruchsvollen Job. Ich wollte leisten. Ich wollte etwas erreichen. Ich wollte meinen Platz finden und zeigen, was ich kann. Aber was bringt mir das, wenn von meinem Leben ausserhalb der Arbeit kaum noch etwas übrig bleibt?

Diese Erfahrung hat bei mir etwas verändert. Ich habe verstanden, dass Energie eine Ressource ist.

Und eine Ressource muss man führen.

Nicht irgendwann. Nicht erst dann, wenn sie aufgebraucht ist. Sondern laufend.

Die gefährliche Illusion: „Ich kann das noch“

Das Schwierige daran ist: Energieverlust passiert häufig nicht plötzlich.

Man funktioniert erst einmal weiter. Der nächste Termin geht noch. Die nächste Präsentation auch. Die nächste schwierige Entscheidung wird ebenfalls getroffen. Man beantwortet noch schnell die E-Mail, übernimmt noch die zusätzliche Aufgabe und sagt vielleicht auch noch zu, obwohl man eigentlich längst weiss, dass es zu viel ist.

Und weil man all das noch schafft, entsteht der Eindruck: Es geht doch.

Genau darin liegt die Gefahr.

Denn zwischen „Ich kann das noch“ und „Das tut mir gut“ liegt ein grosser Unterschied.

Auch in meiner Arbeit mit Führungskräften beobachte ich immer wieder, dass sich eine dauerhafte Überforderung zunächst nicht unbedingt wie körperliche Erschöpfung zeigt. Sie zeigt sich häufig viel subtiler: Man wird gereizter, die Geduld nimmt ab, die Konzentration wird schlechter, Entscheidungen fallen schwerer und man ist weniger bei der Sache. Die Kreativität verschwindet. Die Freude an der Arbeit nimmt ab. Und irgendwann fehlt nicht nur die Energie für den Beruf, sondern die Lust auf irgendetwas.

Das Leben wird kleiner.

Man arbeitet. Man funktioniert. Man erledigt.

Und wartet vielleicht darauf, dass es irgendwann wieder ruhiger wird.

Der Körper meldet sich nicht erst am Schluss

Wir haben gelernt, viele Signale unseres Körpers zu übergehen.

„Das ist jetzt einfach eine stressige Phase.“

„Das wird wieder.“

„Noch dieses Projekt, dann wird es besser.“

„Ich kann jetzt nicht ausfallen.“

„Dafür habe ich keine Zeit.“

Solche Sätze kennen vermutlich viele Menschen mit hoher Verantwortung. Und natürlich gibt es Phasen, in denen wir mehr leisten müssen. Ein wichtiges Projekt, eine Veränderung im Unternehmen, eine Krise oder eine besondere berufliche Situation können vorübergehend mehr Energie verlangen.

Entscheidend ist für mich deshalb nicht die Frage: Habe ich manchmal Stress?

Sondern: Wie gehe ich mit meiner Energie um, wenn Stress zum Dauerzustand wird?

Denn der Körper ist kein störendes System, das uns von der eigentlichen Arbeit abhält. Er ist Teil unseres Systems. Müdigkeit, Anspannung, Gereiztheit, Konzentrationsprobleme oder das Gefühl, nur noch zu funktionieren, sind Informationen. Sie verdienen unsere Aufmerksamkeit, bevor daraus ein Zustand wird, in dem gar nichts mehr geht.

Vielleicht müssten wir deshalb aufhören, unseren Körper erst dann ernst zu nehmen, wenn er uns zum Anhalten zwingt.

Gesund führen beginnt bei sich selbst

Für mich hat gesunde Führung deshalb zwei Seiten.

Die erste ist die Selbstführung.

Wie gehe ich mit mir selbst um? Wie ernst nehme ich meine Bedürfnisse? Wie bewusst gehe ich mit meiner Energie um? Welche Grenzen erkenne ich? Und was tue ich, wenn ich merke, dass meine Energie sinkt?

Selbstführung bedeutet nicht, sich ständig um sich selbst zu drehen. Es bedeutet auch nicht, Verantwortung abzugeben oder sich jede Belastung vom Leib zu halten.

Es bedeutet vielmehr, die eigene Person als Teil der Gleichung zu betrachten.

Nicht nur: Was muss erledigt werden?

Sondern auch: Was brauche ich, damit ich diese Verantwortung dauerhaft gut tragen kann?

Das ist ein Unterschied.

Denn wenn ich mich selbst aus meiner Rechnung herausnehme, wird meine Planung irgendwann unrealistisch. Dann plane ich Zeit für Aufgaben ein, aber keine Energie. Ich plane Meetings, aber keine Erholung. Ich plane Ziele, aber keine Regeneration. Ich plane Verantwortung, aber nicht die Person, die diese Verantwortung tragen soll.

Und genau dort beginnt für mich echte Selbstführung.

„Ich habe keine Zeit, auf meine Energie zu achten.“

Diesen Satz kann ich gut nachvollziehen. Gerade Menschen mit viel Verantwortung erleben Selbstfürsorge häufig als zusätzlichen Punkt auf einer ohnehin schon langen To-do-Liste.

Noch eine Aufgabe. Noch ein Termin. Noch etwas, das ich „für mich“ tun soll.

Aber genau deshalb würde ich die Frage anders stellen.

Nicht: „Habe ich Zeit für meine Energie?“

Sondern: „Was kostet es mich, wenn ich sie nicht berücksichtige?“

Denn wenn eine Führungskraft sagt: „Ich habe keine Zeit, auf meine Energie zu achten. Ich habe zu viel Verantwortung“, würde ich antworten:

Gerade weil du so viel Verantwortung hast, musst du auf deine Energie achten.

Denn was passiert, wenn du deine Energie dauerhaft ignorierst?

Irgendwann funktioniert dein System nicht mehr.

Und dann hilft es niemandem.

Nicht dir. Nicht deinem Unternehmen. Nicht deinem Team. Nicht deiner Familie.

Das ist für mich vergleichbar mit einer Mutter, die sich für ihre Familie vollständig aufopfert. Wenn sie selbst irgendwann ausfällt, funktioniert auch das gesamte System nicht mehr.

Das ist keine nachhaltige Fürsorge.

Und genauso wenig ist es nachhaltige Führung.

Führungskraft lebt gesunde Führung im Team vor
Eine Führungskraft im offenen Austausch mit ihrem Team – als Bild für eine Arbeitskultur, in der Leistung und Menschlichkeit zusammengehören.

Die zweite Seite: Wie führe ich andere?

Gesunde Führung endet für mich allerdings nicht bei der eigenen Energie.

Eine Führungskraft führt immer auch durch das, was sie vorlebt. Wenn ich als Vorgesetzter ständig bis spät abends arbeite, am Wochenende E-Mails beantworte und selbst im Urlaub erreichbar bin, kann ich meinem Team schlecht glaubwürdig vermitteln: „Achtet bitte auf eure Grenzen.“

Die Menschen orientieren sich nicht nur an dem, was Führungskräfte sagen. Sie beobachten auch, was tatsächlich gelebt wird.

Was wird belohnt? Was wird erwartet? Was gilt als Engagement? Was gilt als mangelnder Einsatz?

Und manchmal sind es nicht einmal offizielle Regeln, die diese Kultur prägen. Es sind kleine Bemerkungen. Ein Kommentar über die Person, die pünktlich nach Hause geht. Ein Augenrollen, wenn jemand eine Pause macht. Die Frage, warum jemand „schon“ Feierabend macht.

Oder der scheinbar harmlose Spruch: „Nimmst du dir heute Nachmittag frei?“

Ich weiss heute, wie sehr solche Sätze wirken können.

Vielleicht war es für meine damaligen Vorgesetzten tatsächlich nur ein Scherz. Für mich war es eine Botschaft.

Und diese Botschaft lautete: Wenn du früher gehst, bist du weniger engagiert.

Genau deshalb haben Führungskräfte eine enorme Verantwortung dafür, welche Normalität sie in einem Team erzeugen.

Gesunde Führung bedeutet nicht, Leistung unwichtig zu machen

Mir ist an dieser Stelle etwas wichtig.

Gesunde Führung bedeutet für mich nicht, Leistung abzuschaffen.

Unternehmen müssen Ziele erreichen. Verantwortung muss übernommen werden. Entscheidungen müssen getroffen werden. Es gibt Deadlines und schwierige Phasen. Und natürlich gehört es auch dazu, sich manchmal richtig reinzuhängen.

Der Unterschied liegt für mich woanders.

Es geht nicht um weniger Leistung. Es geht um nachhaltige Leistung.

Eine Führungskraft muss nicht ständig auf 100 Prozent laufen. Denn niemand fährt ein Auto dauerhaft mit Vollgas und erwartet gleichzeitig, dass Motor und Tank unverändert bleiben.

Warum behandeln wir Menschen dann häufig so?

Eine gesunde Führungskultur fragt deshalb nicht nur:

„Was können wir noch aus diesem Menschen herausholen?“

Sondern auch:

„Was braucht dieser Mensch, damit seine Leistung langfristig möglich bleibt?“

Das verändert den Blick auf Führung.

Und es verändert auch den Blick auf Mitarbeitende.

Die Frage ist nicht: Wie viel hältst du aus?

Vielleicht ist das eine der Fragen, die wir in unserer Arbeitswelt neu denken sollten.

Wir fragen häufig: „Wie belastbar bist du?“

Ich würde lieber fragen:

„Wie gut führst du deine Belastbarkeit?“

Denn Belastbarkeit ist keine unerschöpfliche Eigenschaft. Sie hängt auch davon ab, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen. Wann wir Energie verbrauchen. Wann wir regenerieren. Welche Anforderungen wir uns dauerhaft aussetzen. Welche Grenzen wir setzen. Und ob wir überhaupt noch wahrnehmen, wie es uns geht.

Eine Führungskraft, die permanent über die eigenen Grenzen geht, ist nicht automatisch besonders stark.

Vielleicht ist sie einfach besonders gut darin geworden, die eigenen Warnsignale zu übergehen.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Zeit und Energie bewusst planen
Eine reduzierte Darstellung von Zeit und Energie als zwei Dimensionen gesunder Führung.

Energie bewusst führen statt dauerhaft über die Grenze zu gehen

Für mich beginnt gesunde Energieführung deshalb nicht mit einem komplizierten Selbstoptimierungsprogramm. Sie beginnt mit Wahrnehmung.

Wie ist meine Energie gerade – wirklich?

Nicht: „Ich habe noch viel zu tun.“

Nicht: „Es geht schon.“

Sondern: „Wie viel Energie habe ich tatsächlich noch?“

Diese Frage klingt einfach. Aber sie kann unbequem sein. Denn manchmal zeigt die ehrliche Antwort, dass der eigene Akku schon deutlich leerer ist, als man sich eingestehen wollte.

Dann lohnt sich ein genauerer Blick.

Was verändert sich, wenn meine Energie sinkt? Werde ich gereizter? Werde ich ungeduldiger? Treffe ich Entscheidungen schneller? Ziehe ich mich zurück? Verliere ich meine Kreativität? Oder fällt mir vielleicht zuerst auf, dass ich nach der Arbeit überhaupt keine Energie mehr für mein eigenes Leben habe?

Solche Beobachtungen sind keine Schwäche. Sie sind Informationen.

Genauso wichtig ist die Frage, wofür ich meine Energie überhaupt einsetze. Nicht jede Aufgabe ist gleich wichtig. Nicht jede Diskussion braucht meine volle Aufmerksamkeit. Nicht jede Entscheidung muss von mir getroffen werden. Und nicht jede Erwartung anderer muss erfüllt werden.

Energie ist zu wertvoll, um sie wahllos zu verteilen.

Gerade Führungskräfte müssen deshalb lernen, zwischen wichtig und dringend zu unterscheiden – nicht nur bei ihrer Zeit, sondern auch bei ihrer Energie.

Was erleben meine Mitarbeitenden durch mich?

Ein weiterer wichtiger Selbstcheck lautet:

Was erleben meine Mitarbeitenden durch mich?

Dürfen sie pünktlich Feierabend machen? Dürfen sie sagen, dass etwas zu viel ist? Dürfen sie Pausen machen? Dürfen sie ihre Arbeitsweise hinterfragen? Oder vermittle ich – bewusst oder unbewusst – dass echter Einsatz vor allem daran zu erkennen ist, wie lange jemand arbeitet?

Hier wird Führung konkret.

Denn eine Führungskraft kann auf einer Präsentation noch so viele Werte formulieren. Wenn im Alltag etwas anderes gelebt wird, werden die Mitarbeitenden vor allem das Verhalten wahrnehmen.

Vielleicht lohnt sich deshalb von Zeit zu Zeit ein ehrlicher Blick auf die eigene Wirkung:

Welche Botschaft sende ich durch mein Verhalten über Leistung?

Und noch wichtiger:

Welche Botschaft möchte ich eigentlich senden?

Gesunde Führung ist kein Wellnessprogramm

Ich glaube, genau hier liegt ein Missverständnis.

Wenn wir über Energie, Pausen, Bedürfnisse oder Selbstfürsorge sprechen, entsteht schnell das Bild von Wellness, Rückzug und möglichst wenig Belastung.

Für mich hat gesunde Führung damit wenig zu tun.

Sie ist vielmehr eine Frage von Verantwortung.

Verantwortung für sich selbst.

Und Verantwortung für die Menschen, die einem anvertraut sind.

Eine Führungskraft, die sich selbst ernst nimmt, kann Grenzen anders setzen. Sie kann Entscheidungen bewusster treffen. Sie kann ihre Energie gezielter einsetzen. Sie kann besser wahrnehmen, wann eine Pause sinnvoll ist. Und sie kann ihren Mitarbeitenden zeigen, dass Leistung und Menschlichkeit kein Widerspruch sind.

Gesunde Führung bedeutet deshalb nicht, immer auf sich selbst zu schauen und möglichst jede Belastung zu vermeiden. Es bedeutet, Verantwortung für die eigene Leistungsfähigkeit zu übernehmen – und gleichzeitig eine Arbeitskultur zu schaffen, in der Menschen nicht das Gefühl bekommen, ihre Gesundheit gegen ihre Leistung eintauschen zu müssen.

Was ich heute anders sehe

Wenn ich heute an diese junge Frau denke, die morgens um halb acht im Büro sass und sich rechtfertigen musste, wenn sie um fünf oder halb sechs nach Hause ging, sehe ich manches anders.

Damals dachte ich, ich müsse beweisen, dass ich dazugehöre.

Dass ich leistungsfähig bin.

Dass ich mithalten kann.

Dass ich nicht weniger engagiert bin als die anderen.

Heute weiss ich: Meine Leistung hätte nicht dadurch an Wert gewonnen, dass ich meine gesamte Energie dafür aufbrauche.

Im Gegenteil.

Ich hätte damals wahrscheinlich viel früher merken dürfen, dass meine Energie nicht unendlich ist. Und dass es nicht meine Aufgabe ist, mich selbst so lange zu übergehen, bis nichts mehr übrig ist.

Diese Erkenntnis begleitet mich bis heute in meiner Arbeit mit Führungskräften.

Denn ich erlebe immer wieder Menschen, die äusserlich sehr erfolgreich sind und gleichzeitig innerlich längst auf Reserve laufen. Menschen, die Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen, Teams führen und jeden Tag funktionieren – und sich dabei selbst irgendwo auf der Strecke verlieren.

Sie brauchen nicht unbedingt noch eine weitere Methode.

Manchmal brauchen sie zunächst die Erlaubnis, überhaupt wieder wahrzunehmen, wie es ihnen geht.

Führung beginnt nicht erst beim Team

Sie beginnt bei dem Menschen, der führt.

Wenn du deine eigene Energie dauerhaft ignorierst, kannst du vielleicht eine Zeit lang funktionieren. Aber nachhaltige Führung entsteht nicht aus Dauerleistung. Sie entsteht aus Klarheit, Selbstverantwortung und einem bewussten Umgang mit der eigenen Energie.

Vielleicht ist deshalb eine der wichtigsten Fragen, die sich eine Führungskraft regelmässig stellen sollte, nicht:

„Wie kann ich noch mehr schaffen?“

Sondern:

„Wie kann ich meine Energie so einsetzen, dass ich auch morgen noch gut führen kann?“

Denn am Ende geht es nicht darum, wie lange wir durchhalten.

Es geht darum, wie wir führen, solange wir Verantwortung tragen.

Und dazu gehört auch, uns selbst wichtig zu nehmen.

Nicht irgendwann.

Nicht erst, wenn nichts mehr geht.

Sondern jetzt.

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